Flachsanbau in unserer Heimat

Holzschnitt aus dem Buch „Unsere Heimat“ M.Gladbach 1926
Holzschnitt aus dem Buch „Unsere Heimat“ M.Gladbach 1926

Von der Verarbeitung des Flachses

Als ech jong woer on schoen,
Droeg ech een blaue Kroen,
Als ech alt woer on stief,
Bonge se mech eene Bank öm et Lief, Ech wued gestuete on geschlage
On hengenoh van de jroetzte Heere gedrage,
Als ich jung war und schön
trug ich eine blaue Krone.
Als ich alt war und steif,
banden sie mir ein Band um den Leib.
Ich wurde gestoßen und geschlagen
und danach von den größten Herren getragen.
In früheren Jahrhunderten gehörten Spinnen und Weben ebenso zum Hauswesen wie Nähen und Flicken. Der Spruch: „Selbst gewonnen, selbst gesponnen, selbst gewebt und selbst gemacht ist die beste Bauerntracht“ war nicht eine bloße Redensart; den Männer und Frauen trugen „Hausmacher Leinen“. Eine wohl gefüllte Leinentruhe war der Stolz jeder Hausfrau, und die Mägde erhielten einen Teil ihres Lohnes als Leinen für die „Brutkees“ (Brauttruhe).
 
Brauttruhe meiner Oma Helene aus dem 19ten Jahrhundert. Die Truhe wurde auch von ihrer Enkelin zum gleichen Anlass genutzt und hat einen besonderen Platz in ihrem Haus. Foto Werner Marx
 
Besonders hier, in dem sog. Flachslande, war die Gewinnung und Verarbeitung des Flachses eine Angelegenheit von tief entscheidender Bedeutung. Allerlei Gebräuche und Sprüche begleiten Aussaat und Ernte des Flachses, seine Verarbeitung und Verwendung.
 
An der Hechel und am Spinnrad, Bäuerin und Mägde bei der Arbeit auf einem Bauernhof am Büttgerwald. Foto unbenannt, Archiv Heimat- und Geschichtsfreunde Schiefbahn
 
 
Nach altem Brauch soll die Saat am hundertsten Tag ausgebracht werden.
 
Dazu gibt es den nachfolgenden Spruch, der auch gesungen werden kann.
Et es so wiet, werr stond parat,
noch honget Daach es Flachsaussaat,
Bruet möt Speck, em Monk ne Teck,
sonst hätt et keene Zweck.
De Bäurin sprönk noch von dr Döösch,
ne Steäk noch en et Feld ren köösch.
Klompe aan, jetzt jeht et ran,
do möt et waaße kann!
Es ist soweit, wir sind bereit,
nach hundert Tagen ist Flachsaussaat, Brot mit Speck, im Mund einen Steck, sonst hat es keinen Zweck.
Die Bäuerin springt noch vom Tisch, einen Stock noch in dem Feld rein kommt.
Holzschuhe an, jetzt geht es ran, damit es wachsen kann!
 
Spinnen, Weben, Nähen als Heimarbeit war einerseits aufgrund des teilweise geltenden Arbeitsverbots für Frauen, sowie der ihnen auferlegten häuslichen Rolle lange eine weibliche Angelegenheit. In unserer Region war das Spinnen von Flachs bedeutend. Spinnradmädchen wurden Mädchen und Frauen genannt, die aus Flachsfasern Garn spinnen.
 
Das war zudem die Basis für die Leinen-Weberei, eine mühsame zu Hause geleistete Arbeit. Diese wurde bis in die 80ziger Jahre des 19. Jahrhunderts fortgeführt. Die darauf folgende Industrialisierung veränderte alles. In Fabrikhallen wurden dampf-betriebene Webstühle errichtet, an denen Jungen und Männer arbeiteten. Weben war eine schlecht bezahlte, schwere Arbeit.
Die Sichel gehört zu den ältesten landwirtschaftlichen Werkzeugen. Fundstücke aus Stein- und Bronzezeit sind erhalten. Foto W. Marx  – Brockhaus 1937
Schnitter bei der Arbeit
Wenn der Flachs erntereif war, begann die Arbeit der Schnitter. Das war eine mühsam und langwierige Angelegenheit, die in Zusammenarbeit einer Arbeitsgemeinschaft mit zwei Binderinnen geleistet wurde. Anschließend stellten zwei weitere Helfer(innen) die Garben zu Hocken auf, damit diese für mehrere Tage trocknen konnten. Diese Gruppe erreichte eine Tagesleistung von etwa einem halben Hektar.
Die Bilder zeigen: Leinblüte, ein Leinfeld im August und Das Raufen
 
Beim Raufen werden die geernteten Pflanzen in kleine Büschel gebunden und zu Kapellen zusammen gestellt, damit die Körner nachreifen können und eine erste Trocknung erreicht werden kann.
 
Verarbeitung
 
Nach der Röste wird der Flachs geriffelt, das heißt der Stängel wird von den Samen getrennt. Danach muss das Flachsstroh wieder getrocknet werden, damit bei den weiteren Behandlungen wie Entkörnen, Brechen, Schwingen und Hecheln die hölzernen Teile des Stängels besser geknickt und letzte Unreinheiten beseitigt werden können. Erst nach diesen vielen Arbeitsschritten können die Flachsfasern in der Spinnerei zu Garn verarbeitet werden.
 
Im zweiten Weltkrieg wurden ganze Schulklassen auf die Felder geschickt, hier bei der Flachsernte, im Kriegsjahr 1942. Rechts im Bild wird ein Flachsbund präsentiert, der wegen seiner Wuchshöhe prämiert wurde.
 
Im August 2018 zeigte der Heimatverein Wegberg-Beeck e.V. bei seinen externen Vorführungen die Flachsverarbeitung vom Leinsamen bis hin zum gewebten Tuch auf historischen Geräten wie Riffelbalken, Breche, Schwinge, Hechel, Haspel, über Spindel bis hin zum großen Handwebstuhl. Fotos W. Marx