Kartoffelanbau ..

… in den Kriegstagen und danach

Die Arbeit begann im Frühjahr. Zuerst musste der Ackerboden vorbereitet werden. Zu der Zeit wurde mit Pferden oder auch Kühen der Acker gepflügt und danach mit der Egge geebnet. Dann wurde ebenfalls mit dem Pflug eine Ackerfurche gezogen und die Bäuerinnen mit ihren Helfern legten die keimenden Kartoffeln (Mutterknolle) mit einem genügenden Abstand in den Boden. Als nächstes wurde ebenfalls mit dem Pflug die Ackerfurche zugeworfen und so „gehöht“. Das heißt die Setzlinge wurden hoch mit Erde bedeckt.

Pferdegespann

Foto Pferdegespann unbenannt - Egge und Gespann W. Marx

Nicht jeder Bauer hatte ein Pferdegespann, die Kleinbauern pflügten mit Kühen und in den Kriegsjahren mussten die Pferde gegen Ochsen ausgetauscht werden.

Vierschariger Beetpflug

Vierschariger Beetpflug, 12. März 2024 am Buscherhof – Pflanzen der Kartoffel und Höhen in einem Arbeitsgang, alles wird über Satellit gesteuert, 14. Mai 2024. am Buchholzer Wald.

Bodenbearbeitung heute

Ackerböden werden mechanisch bearbeitet. Das verbessert die Wachstumsbedingungen für Kulturpflanzen und die Fruchtbarkeit. Die Ertragsfähigkeit des Bodens wird erhalten und maximiert. Die intensivere landwirtschaftliche Produktion und der technische Fortschritt führen dazu, dass heute hochspezialisierte, leistungsstarke und schwere Maschinen, Geräte und Transportfahrzeuge zum Einsatz kommen.

Kartoffelblüte auf einem Feld in Wickrath - Frauen bei der Kartoffellese Foto: Hastenrath

Kartoffel-Lesen war noch Mitte des vergangenen Jahrhunderts mühsame Handarbeit und wurde vorwiegend von Frauen erledigt. Anfangs wurden die Kartoffel mit den Händen ausgegraben. Bis zu sechs Frauen arbeiteten Schulter an Schulter im Feld.

Jede hatte einen Weidenkorb, auch „Aepelsbrattsch“ genannt, räumte das Kartoffelstroh zur Seite, buddelte die Kartoffel aus der Erde und legte sie in den mitgeführten Weidenkorb.

Frauen bei der Kartoffellese

Jetzt habe ich genau das Foto gefunden, das mir immer noch vorschwebt. Es war ein sommerlich warmer Tag auf dem Kartoffelfeld nahe am Waldrand. Ich war gerade mal so alt, dass ich in den Kartoffelferien, den gefüllten Korb zur Karre tragen konnte. Onkel Heinrich, der Bauer, schüttete die Kartoffel auf die Kippkarre, den leeren Weidenkorb warf ich mit Schwung über die Köpfe der Frauen hinweg in die aufgeworfene Kartoffelfurche. In der Kaffeepause mit „Muckefuck“ (Kaffeeersatz) kam Oma Lenchen mit einem Korb geschmierter Brote. Es waren selbstgemachter weißer Weck (Weißbrot) und selbstgebackenes Schwarzbrot, belegt mit Klatschkäse und Rübenkraut.

Foto mit freundlicher Genehmigung von Manfred Rech, Greven-Reckenfeld 

Was für heutige Kinder die Herbstferien sind, waren für die Schüler früher die Kartoffelferien (Ferien = Arbeit). Noch bis Anfang der 1960er Jahre waren Schülergenerationen in den Kartoffelferien im Einsatz. Ohne die Schulkinder konnte die mühselige Arbeit der Kartoffel-Lese nicht bewältigt werden. Auch wurden die Schulferien verlegt, wenn sich der Erntetermin verschoben hatte.

Manchmal wurde auch die Zentner-Waage mit aufs Feld genommen und die Kartoffeln in Jutesäcke gefüllt, gewogen und zum Abholen bereit gestellt. Die losen Kartoffel wurden auf dem Bauernhof auf den Tennen-Boden oder in einem anderen dafür geeigneten Raum ausgekippt. 

Kippkarre, Rüttelsieb und Waage

Anschließend oder später wurden die Kartoffeln auf ein Rüttel-Sieb geschüttet. Dabei wurden die kleineren Kartoffeln ausgesondert, meistens als Futter für die Schweine. Die größeren Kartoffeln liefen direkt in Jutesäcke, wurden abgewogen und zur Genossenschaft gebracht. 
Auch brachten die Bauern ihren Stammkunden die Kartoffeln nach Hause, sogar bis in die Kartoffelkiste im Keller. Auch das war schwere körperliche Arbeit.

Zur damaligen Zeit kellerte man die Kartoffel ein, und fragte nicht nach dem Namen der Sorte. Hauptsache man bekam Kartoffeln und war für den Winter gerüstet. 

In Deutschland war in der Kriegs- und Nachkriegszeit, die Kartoffel die wichtigste Gemüsepflanze, die den schlimmsten Hunger verhinderte. Auch pflanzte man, wie auch während des Ersten Weltkrieges Steckrüben an. Mit einer Hand voll Kartoffel kam eine vierköpfige Familie über den Tag.  Foto Wikipedia 

Heute sind in Deutschland 210 Kartoffelsorten zugelassen. Die bekanntesten Sorten sind Linda, Belana, Sieglinde und Regina. Die beste Bewertung in der Kartoffelliga hat aber die Lüneburger Heide Kartoffel.

Warum Kartoffelsorten Frauennamen tragen, weis keiner zu sagen. „Linda“ eine der meist angebauten Sorten wird wohl demnächst von der Bildfläche verschwinden. So will es der Zuchtbetrieb Europlant aus Lüneburg, dem Erfinder der Kartoffelsorte Linda. Europlant hat die Zulassung für diese Sorte jetzt zurückgezogen, ein Anbau ist nur noch in diesem Jahr erlaubt. Sehr zum Unwillen von Bauern, Köchen und Verbrauchern, die deshalb die Kampagne „Rettet Linda!“ gestartet haben. Deutschlandfunk

Die Kartoffel Laura, mit ihrer Rot gefärbten Schale hat es früher nicht gegeben. Agria, und die anderen Kartoffelsorten, zeigen das gewohnte Bild für das Auge des Verbrauchers. Fotos: Dezidor, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons

Die Kartoffelkarte

Nachkriegszeit: Nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges gaben die Alliierten Besatzungsmächte ab Mai 1945 in ihren jeweiligen Sektoren neue Lebensmittelkarten (auch Nährmittelkarten genannt) aus.

Kartoffelkarte 1948
Spinnstoffmarken, Lebensmittelkarten, Zulagemarken, Brennstoffkarten, Kontrollausweis zum Einkauf von Tabakwaren, Wochenkarte für ausländische Zivilarbeiter, Kartoffelkarte 1948/49 für Versorgungsberechtigte Hilde Stamm (ausgegeben u.a. vom Ernährungs- und Wirtschaftsamt), 
Stadtarchiv Solingen

 
 
Das Stoppeln

Das Phänomen Stoppeln kennen viele Menschen noch aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg: Auf eigentlich abgeernteten Kartoffelfeldern wurde nach übrig gebliebenen Kartoffeln gesucht, um den größten Hunger zu stillen. 
In den Nachkriegsjahren war es die pure Not, die die Menschen auf die Stoppelfelder trieb. "Wir hatten Hunger, das kann sich heute keiner mehr vorstellen", sagt ein Zeitzeuge.

Auch später, als die Not zu Ende war, wurde weiterhin gestoppelt, auch hier war es besser den Bauern vorher zu fragen. Damals wurde auch das Kartoffelstroh gehäuft und auf offenem Feld ein Feuer zum Garen der Kartoffel angezündet. Ein kleines Abenteuer im Alltag. 

Heute lassen die modernen Kartoffel-Roder nichts mehr zum Sammeln auf den Acker übrig.

Stoppeln um 1948 (Deutsche Fotothek‎, CC BY-SA 3.0 DE , via Wikimedia Commons) - Der Roder schleudert die Kartoffeln aus dem Acker 

Etwa in den 1950er Jahren war dieser Kartoffelroder schon ein Fortschritt. Die Kartoffeln wurden freigelegt, es musste nicht mehr gebuddelt werden.Trotzdem erfolgte die Lese mit der Hand. Und viele Schüler der damaligen Zeit haben sich so einen kleinen Verdienst erworben.

Aus der Erinnerung, man bekam 50 Pfennig, das reichte für den Eintritt fürs Kino, den Rasiersitz. Man saß direkt vor der Filmleinwand und hatte danach einen steifen Nacken!


Wenn man das alles erlebt hat, und heute die Kartoffel-Roder über den Kartoffelacker fahren sieht, kann man den enormen Fortschritt erst richtig ermessen.
Farbfotos S. und W. Marx